Mittwoch, 16. März 2016

Diese freizügigen Dänen

Auf Facebook folge ich meiner Sprachschule, die immer wieder Erfahrungsberichte und Blog Posts ihrer Schüler veröffentlicht. Da habe ich letztens einen interessanten Artikel über die Offenheit der Dänen gelesen. Eine Schülerin beschreibt da, wie die meisten Fenster (zumindest in den Vorstädten und Wohngebieten) keine Vorhänge haben und man so einfach einer Familie beim Abendessen, Fernsehen oder sonst was zusehen kann. Das stimmt. Und ich habe mich am Anfang auch oft gefragt, wie es denn sein kann, dass sich die Bewohner nicht wie im Zoo fühlen. Ziemlich freizügig eben. Oder?

Inzwischen bin ich eher vom Gegenteil überzeugt. An dem Tag, an dem Mads Mutter und ihr Lebensgefährte kamen, um uns beim Aufhängen unserer Vorhänge zu helfen, unterhielten wir uns auch über die Vor- und Nachteile von so vielen Fenstern wie wir sie haben. Im Grunde besteht unsere eine Außenwand ja komplett aus Fenstern. Das macht die Wohnung zwar schön hell, aber es können dafür auch alle vom Parkplatz aus direkt ins Wohnzimmer, ins Arbeitszimmer, in die Küche und ins Schlafzimmer schauen. Als Deutscher ist man es ja gewöhnt am Abend einfach die Rollos zuzumachen, wenn man nicht beobachtet werden will, so was gibt's hier aber gar nicht. Und als ich eben Birgit (also Mads Mutter) erzählte, warum ich uuunbedingt Vorhänge an den Fenstern haben wollte, antwortete sie: "Ja, aber die Leute, die zu ihren Autos laufen oder mit ihren Hunden Gassi gehen, bleiben ja nicht stehen und schauen dir zu". Und da ist mir dann ein Licht aufgegangen. Es geht nämlich gar nicht darum, dass es Dänen nichts ausmacht beobachtet zu werden. Dänen beobachten einfach selbst nicht und rechnen deshalb auch nicht damit, dass sie beobachtet werden. Logisch! Wenn man sich sonst so das "Herdenverhalten" hier anschaut, sieht man das ja eigentlich auch. Privatsphäre ist wahnsinnig wichtig. So steht man an der Bushaltestelle normalerweise außerhalb des Bushäuschens, wenn schon jemand darin steht, den man nicht kennt. Eine Ausnahme gibt es nur dann, wenn es regnet, stürmt oder schneit, dann können auch mehrere Fremde in einem Häuschen stehen, aber dann auch bitte so weit entfernt voneinander wie möglich. Ein weiteres Beispiel: Mads und ich waren vor ein paar Tagen spazieren. Außer uns war nur noch ein Mann mit seinem Hund in der Straße. Da schlug Mads doch tatsächlich vor, dass wir auf der anderen Straßenseite laufen sollten, damit uns der Hunde-Mann nicht überholen muss. ... Ja. Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Im Allgemeinen kann man sich das ungefähr so vorstellen, als ob alle hier in ihrer Privatsphäre-Luftblase herumlaufen. In einer heiligen Privatsphäre-Luftblase.

Ja ja, persönlicher Freiraum ist den Dänen extrem wichtig. Jetzt könnte man natürlich meinen, dass Dänen bestimmt alle traurige und einsame Gestalten sind. So ist es aber auch wieder nicht. An der Uni ist es natürlich nochmal einfacher Leute kennenzulernen, weil es ja jede Woche massig Veranstaltungen aller Art gibt und viele einheimische Studenten auch schon mal im Ausland waren und deshalb nicht ganz so viele Probleme damit haben auf Leute zuzugehen. Übertreiben sollte man es allerdings auch nicht. Man sollte zum Beispiel in der Raucherpause nicht unbedingt versuchen mit dem Nebenmann Small-Talk zu machen oder versuchen sich mit den anderen Mädels in der Schlange vor dem Klo übers Wetter zu unterhalten. Dann wird man gaaanz schnell als komischer Zeitgenosse abgestempelt. Warum sollte man sich mit jemandem, den man nicht kennt, unterhalten?! Mir ist es manchmal schon ein Rätsel, wie Dänen Freunde kennenlernen. Größtenteils läuft das wirklich über die "sich über einen Freund kennenlernen" - Schiene ab oder man lernt sich in einer "Study Group" kennen. Ganz hoch im Kurs stehen auch die Kennenlern-Tage am Anfang des ersten Semesters. Ja, was bei uns höchstens mal beim Wechsel von der Grundschule auf eine andere Schule abgehalten wird, zieht man hier jedes Jahr aufs Neue durch. Selbst Masterstudenten opfern eine Woche der heiligen Semesterferien, um Sackhüpfen und Eierlaufen im Park zu spielen und dabei die neuen Kommilitonen kennenzulernen. Mir wurde von meinen dänischen Bekannten auch wärmstens ans Herz gelegt diese Tage mitzumachen weil es sonst - Zitat - "ganz schwierig ist Anschluss zu finden". Naja, am Ende war ich nur einmal da. Es war zwar ganz lustig, aber die meisten meiner jetzigen Freunde habe ich doch erst am ersten Tag des Studiums kennengelernt. Ach so, es gibt natürlich noch eine letzte Möglichkeit der ewigen Einsamkeit zu entkommen: Bars. Nach dem fünften oder sechsten Bier fassen manche dann sogar den Mut Fremde anzusprechen. Aber diese Art von Kontakt hält dann auch nur so lange an wie der Alkoholpegel. Es beschweren sich erschreckend oft Freundinnen von mir darüber, dass sie einen süßen Dänen kennengelernt haben, der sich nie wieder gemeldet hat...

Und die Moral von der Geschicht': Freizügige Dänen gibt es nicht. (Ausnahmen bestätigen die Regel)

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